Emergenz des Beobachtungsfeldes

Montag, 29. Mai 2006

Umfrage des KRat 2005

Der KRat hat im SoSe 2005 eine Umfrage unter den Kollis gemacht.
Es ging vor allem um die Frage, ob sich die Erwartungen (Wünsche), die sich mit dem Eintritt ins OS verbanden, erfüllt haben, oder nicht.

Bei der Erhebung der Erwartungen waren die drei ersten Hits unter acht möglichen Antworten:
64,7 % "größere Auswahl der Studienfächer"
54,6 % "mehr Selbständigkeit"
49,3 % "freies Lernen".

Erstaunlich bei dieser Wahl erscheint demgegenüber der am wenigsten angekreuzte Aspekt "Mitgestaltung des Unterrichts" mit nur 35,7 %. Was also haben die Neukollegiaten unter Selbständigkeit und freiem Lernen verstanden - wenn es nicht die Mitgestaltung des Unterrichts war? Lernen statt Unterricht vielleicht? (vielleicht nicht verkehrt ;-)

Zur Erfüllung/Nichterfüllung der Erwartungen ergab sich folgendes Bild:
"mehr Selbständigkeit": 38 % überwiegend ja; 28 % zum größten Teil ja

Kritik, die abgefragt wurde, hatte unter 13 Möglichkeiten zum Ankreuzen als Haupttreffer:
66,7 % "Lehrende, die das Konzept nicht verstanden haben",
51,3 % "zu viele Lernnachweise in kurzer Zeit" und
47,8 % "zu viele Hausaufgaben".
Mit nur 0,5 % bildete "Überlastung durch zu viel Unterricht" in der Kritik das Schlußlicht.

Darf man daraus schlußfolgern, daß Lernen hauptsächlich selbständig außerhalb des Unterrichts erfolgte, aber zu viel davon durch Prüfungen/Tests/Hausaufgaben/Hausarbeiten etc. nachzuweisen war?
Wie ist das zu verstehen: Einerseits wollen die Schüler selbständig lernen - andererseits ist es ihnen "zu viel" geworden. Selbständig lernen ist in der Praxis der Schule offenbar Lernen in individuell zu fertigenden "Hausaufgaben" (selbst lesen, alleine arbeiten, Stoff bimsen etc.) ohne Lehrerbegleitung, weil nicht im Unterricht.
Nun könnte man sich unter dem vagen Begriff "Selbständig lernen" vielleicht auch vorstellen, daß damit eigentlich "Selbstbestimmt lernen" gemeint war? Das würde dann etwas anderes bedeuten, nämlich: Ich will lernen, was mich interessiert. Das würde mitnichten bedeuten: Ich will für mich alleine und ohne Hilfe lernen.

Ich jedenfalls lerne am liebsten das, was mich interessiert; ich möchte die Fragen, die sich mir aufdrängen, beantworten. Dazu bin ich bereit, zu ackern wie nicht gescheit. Andererseits liebe ich es, mit diesen Fragen nicht alleine zu sein. Am liebsten lerne ich im Austausch und in der Kommunikation mit anderen, die die gleichen Fragen haben. Herrlich! Nie käme ich, wenn solche Prozesse in Gang sind, auf die Idee, mich darüber zu beschweren, es wäre mir zu viel.

Schulentwicklungsplan des OS 2006-2012

hier die Kurzfassung (3 Seiten)
hier die Originalfassung (59 Seiten)

Freitag, 26. Mai 2006

Bericht des OSK-Schülers Manuel Schiefer

via Kollima - Kollegiatenmagazin

"Schulalltag
16. April 2006

7:50Uhr, die Schulklingel schrillt. Die letzten Schüler eilen in das Gebäude. Der graue Beton der Schule wirkt trist, es passt ganz gut zu der Fassade des Unigebäudes. Früher sah es schöner aus: Außen war es farbig angestrichen, in Rot, so wie die Farbe in einem Wasserfarbenkasten. Die Gänge sind leerer geworden in den vergangen Jahren. Klar, es gibt weniger Kinder und die wenigen verteilen sich auf viele andere Schulen. Warum sollten Eltern ihr Kind auch auf das „Gymnasium an der Universität Bielefeld“ schicken? Wegen des Fächerangebotes, das dem der anderen Schulen haargenau gleicht? Wohl kaum. Vor wenigen Jahren kamen hier sogar extra noch Schüler aus anderen Bundesländern nach Bielefeld, nur um die Vorgängerschule besuchen zu können. Heute wäre das unvorstellbar. Wer jetzt solche Mühen auf sich nähme, er wäre bitter enttäuscht. Da bleibt man lieber zu Hause in Bayern, Niedersachsen oder sonst wo und findet dort eine Schule, die besser ist als unsere. Bis vor sechs Jahren hat unsere Schule „Oberstufen-Kolleg“ geheißen. Den alten Schulnamen haben die Maler überstrichen, die unserer Schule den genormten Graufarbenanstrich, gemäß des Landeserlasses, verpasst haben. Jede Schule soll schon rein äußerlich als Lehranstalt erkennbar sein. Nur der Schulname wirkt noch ein bisschen individuell: große, glitzernde Messingbuchstaben über dem Haupteingang. Angebracht auf Beton und grauer Farbe. Mich würde echt mal interessieren, wie es früher am Oberstufen-Kolleg so gewesen ist. Laut einer vergilbten Broschüre soll man hier mal eine große Auswahl an sogenannten Studienfächern gehabt haben. Da gab es noch nicht die heutigen Standard- kombinationen. Das hört sich viel interessanter an als unsere schnöden Leistungs- und Grundkurse. Mit viel Glück können wir als Leistungskurs noch Psychologie oder Musik wählen, das wäre aber auch schon das Ende der Angebotspalette. Finden sich zu wenige Interessenten, werden die Leistungskurse nicht angeboten. Natürlich gibt es immer noch Deutsch, Mathe und Englisch als Leistungskurse.
Gerade Kernkompetenzen in diesen Fächern seien wichtiger als in Gesundheits- wissenschaften und Jura, meinte jedenfalls das Schulministerium und schlug vor, jene Fächer nur noch im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften anzubieten. Man wolle ja Interessierten weiterhin die Möglichkeit bieten, in diesen Bereichen zu arbeiten. Wer jetzt etwas über Paragraphen oder Gesundheit wissen will, kann nachmittags gerne länger in der Schule bleiben. Warum gab es an unserer Schule eigentlich so viele negative Veränderungen? Ich habe mal unseren Rektor gefragt, ob er mir etwas über die Schulgeschichte erzählen könne. Aber er hat gesagt, dass er gerade zu sehr mit dem ganzen Papierkram beschäftigt sei. Es gibt immer mehr Erlasse und neue Verordnungen, kein Wunder, dass in den Zimmern der Schulleitung das Licht erst sehr spät abends ausgeht. Früher wurde die Stelle der Kollegleitung immer aus dem Kreis des Lehrerkollegiums besetzt. Das geschieht heute durch die Schulbehörde, so wie überall. Deshalb wurde unsere Rektorenstelle auch extern besetzt. Angeblich gab es hier sogar früher noch irgendwelche Leute, Dozenten von der Uni, von denen ich aber keinen mehr gesehen habe. Da wurden die Kollegiaten noch an wissenschaftliches Arbeiten herangeführt. Aus und vorbei. Das Zimmer des früheren wissenschaftlichen Leiters ist verwaist. Es gäbe für ihn an unserer Schule nichts mehr zu tun. Wir haben hier neben den Lehrern nur noch einen Rektor und seine Stellvertreterin. Ach so – und die beiden Schulsekretärinnen, das war es. Ursprünglich soll die Verzahnung mit der Universität eng gewesen sein. Heute verbindet uns nur noch die räumliche Nähe mit ihr. Die Gründungsidee des Kollegs war einmal etwas Besonderes und hat viel Aufsehen erregt. Die Schule stach hervor aus der deutschen Bildungslandschaft. So weit ich weiß, hat ein Professor namens Hartmut von Hentig diese Schule einst gegründet. Da gab es noch die Trennung in Laborschule und das Oberstufen-Kolleg. Heute ist alles eins geworden. Einstieg mit Klasse fünf und Abschluss in Klasse 13. Ein typisches Gymnasium. Keiner von uns nimmt sich die Zeit, mal eins von Hentigs Büchern durchzulesen. Dick verstaubt fristet ein Exemplar seines Buches „Die Krise des Abiturs und eine Alternative“ in der Unibibliothek sein Dasein. Die Frage hat sich mit dem Zentralabitur sowieso erledigt. Alternativen dazu existieren nicht. Das ist alles längst überholt. Wer das Buch lesen will, kann ja rüber in die Uni laufen. Unsere Bibliothek wurde leider aus Kosten- gründen vor fünf Jahren geschlossen. Unsere Schulbücher sind aber auch schon Lektüre genug. Wer den Stoff nicht intus hat, kassiert in der nächsten Klassenarbeit eine schlechte Note. Noten, auf jeden Kram bekommen wir Noten, mündliche Leistungen, Tests, Klassenarbeiten,... . Viele von uns kennen das Gefühl, wenn die Eltern einen blauen Brief aus dem Briefkasten gefischt haben. Die anschließende Standpauke und die dringliche Ermahnung, mehr Leistung bringen zu müssen. Zum Glück bin ich aus dem Alter raus. Leistungsbewertung und Leistung seien wichtiger Bestandteil von Schule, sagen die Politiker. Nach dem Motto: Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben! Gedanklich mal ein paar neue Wege einzuschlagen und Neues ausprobieren, um zu sehen, welche Möglichkeiten sich auftun? Bloß nicht, lieber beim Altbewährten bleiben. Da gibt es doch aber den Spruch: Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom. Nur wer gedanklich lebendig und flexibel ist, kann auch mal etwas anderes probieren als der Mainstream. Wer lieber der tote Fisch sein will, lässt sich einfach von der Strömung ins Meer treiben. Er wird nie die ganz andere Landschaft an der Quelle des Flusses zu Gesicht bekommen. Weil ihm einfach die Mühe zu groß ist, gegen die Strömung anzuschwimmen. Unsere Lehrer sind genauso gut oder schlecht wie an den anderen Schulen. Eines aber verbindet uns an unserem Gymnasium. Keiner, weder wir noch unsere Lehrer, identifizieren uns in besonderem Maße mit unserer Schule. Weshalb sollten wir auch? Wir machen hier doch den selben Einheitsbrei wie an jeder anderen Schule. Das ist auch so gewollt. Wo mehr Übereinstimmungsmerkmale vorhanden sind, braucht man nicht lange die Unterschiede abzugleichen. Alle Gymnasien gleichen einander, es ist so als hätte jemand eine Schablone angesetzt. Was nicht reinpasste, wurde einfach weggeschnitten und passend gemacht. Wir müssen uns jetzt oft mit anderen Schulen vergleichen und messen lassen. Alles wird durch strikte Vorgaben politischer Entscheidungsträger geregelt. Da gibt es nichts auszudiskutieren. Es wird einfach gemacht, basta. Wo viel geredet wird, kommt am Ende sowieso nichts bei rum.
Was ist eigentlich der originäre Auftrag von Schule? Wissen eintrichtern, Wissen überprüfen und Nichtwissen abstrafen. Das und nicht mehr. Die beste Vorbereitung auf das Leben nach der Schule. Im Studium und in der Ausbildung läuft es ja auch nicht anders. Wer gut ist, schafft es, wer nicht, fällt durchs Raster. Soziale Kompetenzen sind an unserer Schule daher nur sekundär wichtig. Alles reduziert sich auf den Unterricht: kommen, hinsetzen, zuhören, mitschreiben, Fragen beantworten und hin und wieder eine stellen, zusammenpacken und gehen. Gruppenarbeit wäre zwar auch mal toll, würde aber zu viel Unterrichtszeit
kosten. Außerdem müssen wir mit dem Stoff durchkommen, um die berüchtigten Vergleichstests schreiben zu können. Die Ergebnisse werden dann wieder publik gemacht und unsere Schule will ja nicht auf irgendeinem der letzten Plätzen landen. Nur die Schule, die durch die besten Ergebnisse auftrumpft, sticht aus der Masse heraus. Früher hat unsere Schule noch andere Qualitäten vorweisen können und war deshalb anders als die Regelschulen. Neue Unterrichtsformen ausprobieren? Fehlanzeige, wir sind hier doch keine Versuchsschule! Wer sich für so was interessiert, der kann sich ja die alten Bücher unseres Schulgründers zu Gemüte führen. Schülerbeteiligung wird übrigens an unserer Schule nicht gerne gesehen. Das soll auch mal ganz anders gewesen sein. Am Oberstufen-Kolleg gab es früher eine sogenannte Hauptkonferenz, in der saßen fast so viele Schülervertreter wie Lehrer. In den heutigen Konferenzen sitzen nur noch zwei Schülervertreter.
Die Interessen der Schülerschaft werden heute hin und wieder ignoriert, aber keiner rührt sich. Wer zu allem Ja und Amen sagt, hat es leicht an unserer Schule. Wehe dem, der unbequeme Fragen stellt. Ein bisschen Grips sollte man aber schon im Kopf haben. Der Schüler, dessen Hirnwindungen beim Satz des Pythagoras oder der Energieerhaltungssätze streiken, sollte sich schnellstens um private Nachhilfe bemühen, sonst ist er ruckzuck weg vom Fenster und kann sich die Schule in Zukunft von außen anschauen. Wer nicht so fit in einem Fach war, wurde am früheren Oberstufen-Kolleg noch in Brückenkursen gefördert. Das war einmal. Vieles hat sich geändert an unserer Schule. Die Felder wurden abgeschafft und sind nach dem Umbau geschlossenen Klassenzimmern gewichen. Wir sind eine ganz normale Schule geworden, vom Oberstufen-Kolleg ist nichts mehr geblieben.
Ein ohrenbetäubendes Geräusch reißt mich hoch. 8:00Uhr, verdammt, ich habe verschlafen. Mein Wecker hat mich gerettet, gestern habe ich ihn falsch eingestellt. In einer halben Stunde beginnt der Unterricht. Jetzt muss es schnell gehen. Was war das eben für wirres Zeug in meinem Kopf, während ich schlief? Das war echt der reinste Albtraum. Aber: Träume sind Schäume – oder? Nach der Schule habe ich heute übrigens an einer Außenwand des Kollegs gesehen, dass die Farbe leicht abgeblättert ist. Ich werde morgen mal einen der Hausmeister fragen, ob er die Stelle nicht wieder mit der roten Farbe ausbessern kann.
Manuel Schiefer"

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